Was unsere Kleiderexporte mit Afrikas Märkten machen – und warum wir über Verantwortung neu nachdenken müssen.


Wir kaufen. Wir konsumieren. Wir sortieren aus. Kollektionen wechseln, Serien laufen aus, Lager werden geräumt – und irgendwann verschwindet die Ware aus unserem Blickfeld.

Doch sie verschwindet nicht.

Bei meinen vielen Reisen durch Afrika habe ich dieses Mal im Senegal Lager und Märkte der sogenannten „Friperie“ gesehen. Die Mengen, die dort ankommen, sind kaum vorstellbar. Und es geht dabei keineswegs um alte oder billige Kleidung.


In diesen Warenströmen finden sich ganz unterschiedliche Dinge: gebrauchte Kleidung, Sneakers, Markenware, Restbestände von Unternehmen, ausgelaufene Kollektionen, nicht verkaufte Serien und teilweise sogar neue oder nahezu neue Kleidungsstücke.
Ware, die in Industrieländern keinen oder nicht mehr den gewünschten Markt findet, wird in großen Mengen exportiert und landet auf afrikanischen Märkten.

Das klingt zunächst nach Wiederverwendung und einem sinnvollen Kreislauf.

Aber bei diesen Dimensionen müssen wir genauer hinschauen:


Denn wenn riesige Mengen importierter Kleidung zu sehr niedrigen Preisen auf lokale Märkte gelangen, entsteht ein Wettbewerb, dem lokale Produzenten kaum etwas entgegensetzen können.


Wie soll lokale Textilproduktion wachsen, wenn sie gegen die Überhänge einer globalen Industrie konkurrieren muss?

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, gebrauchte Kleidung grundsätzlich abzulehnen. Wiederverwendung kann sinnvoll sein. Für viele Menschen ist erschwingliche Kleidung wichtig.

Aber wir müssen uns fragen, wann aus Wiederverwendung eine strukturelle Marktverzerrung wird.

Denn hinter jedem Kleidungsstück steht mehr als Stoff.
Es stehen Menschen dahinter.
*Arbeitsplätze.
*Handwerk.
*Lokale Unternehmen.
*Produktion.
*Wertschöpfung.
*Und die Chance, eine eigene Wirtschaft aufzubauen.

Besonders nachdenklich macht mich dabei die Tatsache, dass teilweise sogar Neuware oder nahezu neue Ware ihren Weg in diese Märkte findet.

Was sagt das über unser globales Produktions- und Konsummodell aus?

Wir produzieren mehr, als wir brauchen und das ist keine Neuigkeit. Wir wechseln Kollektionen zu schnell. Unternehmen bleiben auf Ware sitzen. Und statt die Ursachen dieser Überproduktion grundsätzlich zu hinterfragen, verschieben wir die Warenströme häufig einfach dorthin, wo sie noch verkauft werden können.
Doch auch dort gibt es Grenzen!

Denn nicht alles, was exportiert wird, kann tatsächlich verkauft oder sinnvoll weiterverwendet werden.


Ein grosser Teil der Ware wird auch dort zu Abfall.

Unser Überschuss wird somit zum Problem eines anderen Landes.

Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Frage nach Verantwortung.

Wir sprechen in Europa über Armut, fehlende Perspektiven und Migration. Gleichzeitig tragen unsere Wirtschafts- und Konsummuster – neben vielen anderen Faktoren – dazu bei, dass lokale Märkte und Produktionsstrukturen unter Druck geraten, wenig Chancen erhalten oder gar zerstört werden.

Das bedeutet nicht, dass Migration oder Armut eine einfache Folge unserer Kleiderexporte wären. Das wäre viel zu einfach und dafür sind die Zusammenhänge sehr viel komplexer.

Aber es bedeutet, dass wir uns unserer Mitverantwortung für die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stellen müssen.

Wenn wir Entwicklung wollen, dürfen wir Märkte nicht mit ausländischen Produkten überschwemmen, Dinge einfach nach Afrika schicken.

Wir müssen vielmehr dazu beitragen, dass vor Ort produziert, investiert und Wertschöpfung geschaffen werden kann.

Lokale Unternehmen stärken.
*Arbeitsplätze schaffen.
*Ausbildung ermöglichen.
*Frauen und junge Menschen wirtschaftlich befähigen.
*Lokale Märkte respektieren.

Genau hier sehe ich einen der wichtigsten Punkte nachhaltiger Arbeit, Respekt, Menschenwürde, ja, auch Menschenrechte!

Afrika braucht nicht unsere Überproduktion. Afrika braucht Chancen.

Und diese Chancen entstehen nicht dadurch, dass wir unsere Überschüsse möglichst weit exportieren.

Sie entstehen dort, wo Menschen selbst produzieren, handeln, investieren und ihre Zukunft gestalten können. Neue Märkte, neuer Waren-Austauch, Import-Export,  stattfinden kann,  von dem alle profitieren.

Zusammenhänge verstehen, Dinge hinterfragen,  kritisches Denken aktivieren und insbesondere “gerecht” Denken!

Nicht nur Symptome behandeln, sondern Strukturen verändern. Und vor allem: konkret handeln.

Denn Verantwortung beginnt dort, wo wir bereit sind, auch die Konsequenzen unseres eigenen Handelns zu sehen.

WE ACT. WE IMPACT.